Mittwoch, 14. Februar 2018

Großes Glück im Alter

 Er ist auf diesem Grundstück geboren, dort wurde er groß und dort lebte er bis zum Ende. Eine Gnade in der heutigen Zeit. Wer hat schon das Glück, sein Leben lang in einem einzigen Haus zu leben - ich habe es nicht. Er war mein Vater und am Ende war der Garten das Thema, über das wir sprachen. Nicht die Gesundheit, sondern der Garten. Sein Grundstück war immer angelegt auf Selbstversorgung, niemals auf Schönheit. Damit hatte er so gar nichts am Hut. Seine Hühner waren sein alles, wir alle haben gelernt, die Eier einzusammeln und die Glucken vom Nest zu heben, damit man an die Eier konnte.
 Stoisch ertrug meine Mutter die Flecken aus dem Hühnerstall, die er auf den orangefarbenen Teppich brachte, es war Hühnermist. Wir schimpften immer alle, das berührte ihn allerdings wenig. Nein, wir hatten keinen Bauernhof, nur einen Garten. Er war groß und viele Tiere lebten dort mit uns, und fast alle dienten der Ernährung. Übrigens ist das Krokusbeet nur so schön, weil die Hühner das Beet durchscharrten und die Samen verteilten. Ich weiß nicht, ob es dieses Beet so noch gibt - das Haus wurde verkauft.
 Stolz war er auf seine Ernte, kein Mensch hat je einen Kürbis aus dem Garten gegessen, doch als er nicht mehr konnte, war dies etwas, was wuchs. Ich durfte die Johannisbeeren von den Stämmen ernten, er hatte dazu keine Kraft und auch keine Lust mehr.

 Hühnermist ist ein sehr guter Dünger, bei uns waren die Fenchel so groß wie nirgends und die Italiener haben sie gekauft.
 Keine Schönheit, gewiss nicht, aber sein kleines Glück.
 Nichts geht über ein Ei von eigenen Hühnern, noch heute kaufe ich auf einem Bauernhof und als wir jetzt fest im Bett lagen wegen einer Erkältung hatten wir Supermarkteier, sie haben nicht geschmeckt. Beim BLV Verlag habe ich drei Bücher zur Besprechung angefordert und als ich las 'Gärtnern für ein langes Leben' war dies genau mein Titel. So bin ich großgeworden, mit Erde unter den Fingern und nicht immer Lust zur Pflicht, denn geerntet mußte werden.
Die Autoren dieses wunderbaren Buches beschreiben den Garten der Eltern von Udo Bernardt und das Leben in und mit ihm. Der Garten ist für die beiden Menschen das Lebenselexier, er ist nicht am Haus, doch jeder, auch die Freunde, findet den Weg dorthin. Ein Leben mit den Jahreszeiten, mit der Ernte, mit dem Düngen und den Gesprächen über die nächste Bepflanzung. Alt sind sie geworden, die beiden Besitzer, alt und glücklich. Das tiefe Glück der beiden Gärtner spricht aus jeder Zeile dieses Buches. Ich bin sehr begeistert über die Tiefe, fängt man erst einmal an zu lesen, hört man damit nicht mehr auf. Am Anfang dachte ich: das ist ein Buch für meine Generation, doch das kann ich jetzt nicht mehr so stehen lassen. Es ist ein Buch für alle Generationen, die aus einer Familie mit Garten kommen, ein Buch für die Jungen, die hoffentlich den Alten helfen. Ein Buch, dass man vielleicht einmal weitergeben kann. Es ist kein spektatuläres Buch, es ist ein Buch mitten aus dem Leben, aus dem Herzen geschrieben.

144 Seiten, großes Taschenbuch 17,2 x 1,5 x 24 cm
BLV Verlag, 20,00 Euro

Kommentare:

  1. Liebe Sigrun, auch ich bin als Kind schon gerne im Garten gewesen. Ich denke das die Liebe zum Garten und die Tierliebe in der Kindheit wachsen müssen. Danke für die Einsicht in den Garten deiner Kindheit.
    Liebe Grüße Susanne und Hans

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  2. Liebe Sigrun,
    bei der Geschichte über Deinen Vater und seinen Garten geht mir das Herz auf! Mein Oma hatte einen ähnlichen Garten mit Hühnern. Von ihr habe ich wohl die Tierliebe geerbt. Leider starb sie viel zu jung (siehe auch bei mir im Blog die Story "die späte Gärtnerin" in der Rubrik "Über mich". Ihre Tochter, meine Mutter, hatte weder die Tierliebe noch den Drang , gärtnern zu wollen von ihr geerbt. Schön ist, das das Grundstück von damals immer noch in Familienbesitz ist. Vorne wohnt meine Tante, hinten hat mein Cousin die Zimmereiwerkstatt von meinem Opa übernommen.
    Das Gärtnergen muss wohl von meinem Vater kommen, er war leidenschaftlicher Gemüseparzellist und die Blumen spielten nur eine Nebenrolle. Meine Mutter hat es ertragen und vor allem die Ernte- und Einmachzeit ging ihr gegen den Strich. Sie war diejenige, die mir von einem eigenen Haus mit Garten abriet. Macht doch nur viel Arbeit ;-)
    Von dem Buch habe ich noch nicht gehört, ich glaube, das ist etwas für mich <3
    Liebe Grüße
    Karen

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  3. Wunderbar geschrieben, liebe Sigrun, wie schön, dass Du Deinem Vater hier nun auch noch ein Denkmal gesetzt hast. Es könnte genauso das Leben meines Vaters sein, den ich schon oft in meinen Posts erwähnt habe und dem ich sehr verbunden war, weil ich mit ihm, der zweimal verwitwet war, bis zu seinem letzten Tag unter einem Dach gelebt habe. Auch bei ihm dauerte es sehr lange, bis er begriff, dass er seine Gartenschuhe doch lieber im Keller lassen und dort seine Hausschuhe anziehen sollte. Auch unser Haus wird mal verkauft werden, weil die Kinder ein eigenes haben. Oft denke ich, welch glücklicher Mensch er doch trotz seines Schicksls war, bis zu seinem Tod mit meiner Familie, vor allem den Kindern, die er so sehr liebten und die ihn liebevoll Opi und Opili nannten, unter einem Dach gelebt zu haben. Nun höre ich auf, denn ich muss schon wieder heulen.
    Es ist auf jeden Fall ein Buch, das Du sehr liebevoll und auf besondere Weise vorgestellt und eine Seite von Dir gezeigt hast, die ich noch gar nicht von Dir kannte und die mich sehr berührt.
    Liebe Grüße
    Edith

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    1. Mit meinen Tränen in den Augen sehe ich jetzt erst, dass mir zwei blöde Tippfehler unterlaufen sind. 'Schicksal' muss es natürlich heißen und 'Kindern, die ihn so sehr liebten'.
      Edith

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  4. liebe Sigrun du spricht so aus dem Herzen.
    Schuhe wurden auch nie ausgezogen, selbst der Sisalteppich reichte nicht aus, es war auch immer Erde im Wohnzimmer! Natürlich fast nur Nutzgarten, denn wir lebten davon im Winter.
    Meine Mutter hatte ein Herz auch für Stauden Wicken Dahlien und mein Vater half ihr später dass es dort so schön blühte.
    Es gab sehr viele Beerenfrüchte, Kirschen, Birnen Quitten aber keine Äpfel!
    Die gab auf einem Obstgarten in der nNchbarschaft und später von der Elbe.
    Später mussten sie umziehen, und dann gab es auch keine Hühner mehr.
    Für meinen Vater war der garten auch as lebenselexier, als er sich nicht mehr bücken konnt, machte es sich aus Plane Beinschoner und kroch eben auf den Knien durch die Erbeerreihen und die Gemüsebeete.
    Und beiden verdanke ich meine Gartenfreude. Eben waren wir schon am Gärtnern und Schneiden.
    Liebe Grüße von Frauke

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  5. Liebe Sigrun,
    Dein Beitrag ist mit sehr viel Liebe geschrieben, das merkt man sofort. Deine Geschichte haben wohl viele Töchter und Söhne so erlebt, so auch ich. Da ging es nicht um Gartendeko, aber unsere Väter wurden ja auch in einer anderen Zeit groß. Die Gartenliebe sieht heute vielleicht anders aus, aber sie ist da und wir haben sie geerbt.

    Es grüßt Dich von Herzen
    Monika

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  6. Ach, was für ein schöner Post, liebe Sigrun. Ich bin gerade so ge(be)rührt. "Unser" Garten damals gehörte uns nicht wirklich, er war nur gepachtet. Schon von meinen Großeltern. Es war ein Nutzgarten, ein wichtiger Beitrag zur Selbstversorgung. Für Blumen war nur sehr wenig Platz. Aber Hühner, Kaninchen - manchmal Gänse oder Enten bevölkerten den kleinen Stall. Ich war immer sehr gerne im Garten, noch lieber bei den Tieren. Den Garten gibt es nicht mehr. Dort stehen nun Garagen und niemals schaue ich mir diesen "neuen" Ort an. Er würde mir nicht gefallen. Auch meine Eltern sind nun alt und brauchen immer mehr Unterstützung. Das vorgestellte Buch finde ich wirklich interessant. Danke schön.
    Viele liebe Grüße
    Ursula

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  7. Das hast Du sehr schön geschrieben. In ähnlicher Weise habe ich auch den Garten meiner Oma und den meines Schwiegervaters erlebt. Der Garten meines Schwiegervaters (jetz meiner) diente ausschließlich dem Obst- und Gemüseanbau. Das war die Generation so gewöhnt. Später wurde die ganze Ernte verschenkte, weil man gar nicht so viel verbrauchen konnte. Als ich den Garten übernommen habe, habe ich mir einen Liegestuhl mitgenommen und wusste gar nicht, wo ich den hätte hinstellen können. Wer legt sich schon in ein Beet.
    Viele Grüße von
    Margit

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  8. Ich bin auch mit einem Garten groß gewordenm, allerdings habe ich als Kind die Gartenarbeit gehasst. Damals war ein großer Teil Nutzgarten und Obst und Gemüse mussten ja gepflückt und verarbeitet werden. Meine Eltern waren beide nicht so die Gärtner, er war halt da, mein Opa hat viel geholfen. Und damals ging es ja auch nicht um Schönheit, sondern der Garten diente dem Überleben.

    Viele Grüße
    Margrit

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  9. Liebe Sigrun,
    eine wunderschöne Hommage an deinen Vater und seine Garten- und Hühnerliebe ... sehr berührend dein Post. Ich bin eher ohne Garten aufgewachsen, nur bei meinen Großeltern und später bei meinem Schwiegervater gab es einen großen Selbstversorgergarten, wo auch manches an Obst und Gemüse verschenkt wurde. Als junge Familie haben wir von Schwievas gärtnerischem Talent - er war Profi ;-) - profitiert, doch so recht habe ich es damals gar nicht gewürdigt. Heute sehe ich so manches ganz anders.
    Liebe Grüße, Marita

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  10. Liebe Sigrun,
    auch mich berührt dein Text. Sehr schön.
    Ich denke an meine Großeltern und meine Eltern
    und ein winziges bisschen an unseren eigenen Garten.
    Liebe Grüße

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  11. Liebe Sigrun, ich bin in einem Haus mit Garten groß geworden und habe das Glück auch jetzt mit meiner Familie wieder so leben zu können. Ein Garten ist auf alle Fälle ein Lebenselixier und lässt einen nicht los.

    LG Kathrin

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  12. Liebe Sigrun,
    wie schön hast über Deinen Vater und seinen Garten geschrieben. Ich bin berührt und bin nachdenklich geworden. Gärtnern ist ein Luxus an heutigen Tagen. Ich bin sehr glücklich diese Möglichkeit zu haben. Das Buch spricht mich sofort an.
    Liebe Grüße
    Loretta

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  13. Was für ein schöner und interessanter post über den Garten deines Vaters. Auch ich liebe den Garten sehr. Das Buch hört sich interessant an.
    Wünsche dir ein schönes Wochenende. LG Dorothea

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  14. Das ist auf jeden Fall auch ein Buch für mich. Seit ich denken kann, bin ich irgendwo durch den Garten gestromert. Auch meine Oma hatte einen wunderbaren Bauerngarten auf dem Dorf. Wenn ich draußen war, war mir nie langweilig und mir war später immer klar, dass ich unbedingt einen eigenen Garten möchte. Früher hatte mein Vater den Garten in seiner Alleinobhut und ich musste im Sandkasten gärtnern. Die Monatserdbeeren unter den Beerensträuchern durfte ich auch pflegen, aber das wars. Das hat mir weniger gefallen und heute staunt er, wenn er meinen Garten sieht. Ich glaube, er hat das Frauen nicht zugetraut, da meine Mutter nie so begeistert davon war. Jetzt sind unsere Väter beide über 80 und gärtnern immer noch.
    LG Sigrun

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